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Haben wir für 2023 genug Erdgas?


Es scheint so, als könnten wir den Winter 2022/23 ohne größere Energieknappheit überstehen. Für den Winter 2023/24 müssen aber schon jetzt Vorkehrungen getroffen werden.


Das LNG Angebot sowie eine Reduktion der Nachfrage werden nächsten Winter eine große Rolle spielen.


Um größere Probleme vermeiden zu können, ist es nötig, die Nachfrage zu reduzieren. Ein warmer Winter erfordert eine Reduktion der Nachfrage um 13 %, bei einem kalten Winter wären es 21 %.


Im vergangenen Jahr konnte aufgrund der schwachen Kernkraft- und Wasserkraftleistung kaum Gas eingespart werden. Die Rückkehr der französischen Atomenergie wird daher ein großer Vorteil sein.


Wenn die Pipeline-Importe aus Russland in die Europäische Union im Jahr 2023 auf null sinken und die chinesische LNG-Nachfrage auf das Niveau von 2021 ansteigt, dann steht die Europäische Union vor einer ernsthaften Angebots-Nachfrage-Lücke, die sich im Jahr 2023 ergeben könnte.


Politische Unterstützung wird nötig sein, um den Ausbau der erneuerbaren Energie sowie der dazugehörigen Netzinfrastruktur voranzutreiben.




Um wie viel muss die Nachfrage reduziert werden?


Im August 2022 haben die EU-Mitgliedsstaaten beschlossen, den Energieverbrauch zwischen 1. August 2022 und 31. März 2023 um 15 % zu senken, doch die Energiekrise wird mit März 2023 nicht vorbei sein. Die Regulierungen der EU-Gasspeicher besagt, dass die Speicher bis 1.10.23 zu 90 % befüllt sein müssen, aktuell sind diese zu ca. 71 % voll. Die Speicher in Deutschland, Österreich und Frankreich sind zum 5.2. jeweils zu 77, 76 und 61 % gefüllt.



„Wir haben es geschafft, Russlands Energieerpressung standzuhalten. Mit unserem REPowerEU-Plan und der Mobilisierung von bis zu 300 Milliarden Euro an Investitionen konnten wir die Nachfrage nach russischem Gas bis Ende des Jahres um zwei Drittel zu reduzieren. Das Ergebnis all dessen ist, dass wir für diesen Winter sicher sind“, sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.
„Deshalb konzentrieren wir uns jetzt darauf, uns auf 2023 und den nächsten Winter vorzubereiten. Dafür muss Europa seine Anstrengungen in mehreren Bereichen verstärken, von der internationalen Reichweite über den gemeinsamen Einkauf von Gas bis hin zur Ausweitung und Beschleunigung erneuerbarer Energien und zur Reduzierung der Nachfrage.“

2023 könnte eine Angebots-Nachfrage-Lücke von 57 Mrd. Kubikmetern entstehen, 30 davon könnten durch bereits gestartete Maßnahmen (Energieeffizienz, Installation neuer Kapazitäten) abgedeckt werden. Eine Erholung der Kern- und Wasserkraftleistung von den jahrzehntelang niedrigen Niveaus im Jahr 2022 sollte ebenfalls dazu beitragen, die Lücke zu schließen. Die Schließung des verbleibenden Defizits von 27 Mrd. Kubikmeter erfordert eine Reihe zusätzlicher kurzfristiger politischer Maßnahmen. Die zusätzlichen Investitionen, die zur Umsetzung erforderlich sind, belaufen sich auf rund 100 Mrd. EUR.



Bruegel hat drei Szenarien ausgearbeitet, die 2023 eintreten könnten:

  • russisches Gas, welches über die Ukraine und die TurkStream-Pipeline importiert wird, bleibt auf heutigem Niveau

In diesem Fall müsste die EU ihren Gasverbrauch um 320 TWh oder 13 % im Vergleich zum 5-Jahres-Schnitt reduzieren.

  • Der Gasfluss über die Ukraine wird ausgesetzt, über die TurkStream-Pipeline bleibt er aber intakt.

In diesem Fall müsste die EU ihren Gasverbrauch um 420 TWh oder 17 % im Vergleich zum 5-Jahres-Schnitt reduzieren.

  • kein russisches Gas kommt über Pipelines nach Europa.

In diesem Fall müsste die EU ihren Gasverbrauch um 490 TWh oder 20 % im Vergleich zum 5-Jahres-Schnitt reduzieren.


Wie die nächste Abbildung zeigt, hängt es allerdings stark davon ab, wie kalt der Winter 2023/24 werden wird.



Ohne die Nachfrage weiter zu reduzieren und ohne einem sehr kalten Februar/März könnte die EU den Winter 2022/23 mit einem Puffer von 400 Terawattstunden oder 35 % Speicherkapazität überstehen. In diesem Szenario wäre allerdings eine Reduzierung um 32 % im Sommer 2023 nötig, um die Speicher wieder aufzufüllen. Bei der geforderten Reduzierung um 20 Prozent würde das Speichervolumen, zumindest wie es aktuell aussieht, bis Ende Winter 2022/23 nicht unter 55 % sinken.


Das Ziel sollte also sein, den Winter 2022/23 mit möglichst vielen Kapazitäten zu überstehen, denn je leerer die Gasspeicher im Frühling sind, umso höher wird die Nachfrage nach Gas und damit auch der Preis nach Gas in Sommer werden.



Als ich mir den Bericht der IEA durchgelesen habe, war ich ehrlich gesagt überrascht, wie viele Maßnahmen und Pläne die EU bereits umgesetzt hat, oder noch vor hat umzusetzen, um die Versorgungssicherheit in Europa zu gewährleisten. Nachfolgen sind drei große europäische Initiativen zur Entlastung der Gasmärkte:


Erstens: Die Europäische Union intensivierte ihre internationale Reichweite, um Energiepartnerschaften mit wichtigen Erdgas- und LNG-Lieferanten zu stärken. Die EU und die Vereinigten Staaten kündigten im März 2022 eine gemeinsame Task Force an, um die europäische Energiesicherheit zu stärken.


Zweitens: LNG-Terminals (FSRUs), vor allem in Deutschland und die Erweiterung bestehender Terminals werden es der Europäischen Union ermöglichen, im Jahr 2023 über 25 % mehr Kapazitäten zu verfügen als im Jahr 2021.


Drittens: Vor der Heizperiode 2022/23 wurden mehrereVerbindungsleitungen in Betrieb genommen, die den internen Gasfluss und die Diversifizierung der Gasversorgung erleichterten, auch zwischen mittel- und osteuropäischen Ländern, die in der Vergangenheit stärker auf russisches Pipelinegas angewiesen waren. Darunter die Baltic Pipe, die norwegisches Gas nach Polen transportiert und Verbindungsleitungen zwischen Polen und der Slowakei, Bulgarien und Griechenland sowie Frankreich und Deutschland.


Neue Gasinfrastruktur, September 2021 bis Oktober 2022, bruegel.org



Sind genügend Kapazitäten vorhanden?


Die weltweiten LNG-Exporte stiegen im Jahr 2022 um 230 TWh oder 5 %. Die europäischen LNG-Importe stiegen 2022 um 600 TWh oder 60 % im Vergleich zum Jahr 2021, wobei 400 TWh davon aus den Vereinigten Staaten kamen. Möglich machte dies eine Umlenkung der globalen LNG-Ströme, (China importierte mehr LNG aus Russland) sowie der Umstieg Chinas von LNG auf Kohle. Insgesamt gingen die chinesischen Importe um 200 TWh zurück.



Veränderung der LNG-Importe sowie dem globalen Exportwachstum, 2022 vs. 2021

Zusätzlich wird versucht, den Ausbau der erneuerbaren Energie voranzutreiben. Gelingen soll das durch eine Verkürzung der Genehmigungsfristen sowie der Stärkung des Vertrauens von Investoren durch stärkere Anreize und Marktregulierungen.


Im Jahr 2022 stieg die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien (vor allem Wind und Solar) in der EU um ca. 6 %, trotz eines deutlichen Rückgangs der Erzeugung aus Wasserkraft. Die Basiserwartung der IEA für 2023 ist, dass die Wind- und Solar-PV-Erzeugung in der Europäischen Union im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 80 TWh steigen wir und rund 12 Mrd. Kubikmeter Erdgas ersetzen könnte. Möglich werden soll das durch einen extremen Ausbau an Wind- und PV-Anlagen, und zwar um eine Leistung zwischen 50 bis 85 GW.


Und damit wären wir wieder beim Thema der Unmengen an Rohstoffe, die für die erneuerbare Energie benötigt werden. Wie wir in diesem Beitrag beschrieben haben, beläuft sich der Rohstoffbedarf pro MW an Kraftwerksleistung auf ca. 12.000 kg für Windkraftanlagen und 6.500 kg für PV-Anlagen. Das bedeutet, dass für den geplanten Ausbau an Wind und Solar zwischen 440 und 690 Mio. kg bzw. 440 und 690 Mio. Tonnen an Rohstoffen nötig sind.


Hier kommt wieder unser Mantra ins Spiel. Es werden viel Unternehmen von den Subventionen profitieren, welches Unternehmen dabei als Gewinner hervorgeht, kann man nur sehr schwer sagen. Sicher ist aber, dass die Rohstoffe abgebaut werden müssen und hier kommen die Bergbauunternehmen ins Spiel. Diese profitieren vom Boom der erneuerbaren Energie und es ist egal welches Unternehmen weiter hinten in der Value Chain davon profitiert.



Der Verbrauch muss also reduziert werden!


Hier kann zwischen Haushalte, dem Energiesektor und der Industrie unterschieden werden.


Haushalte


Bei kaltem Wetter wir die Gasnachfrage in Europa von Februar bis Oktober 2023 um 9 % (210 TWh) höher und bei warmen Wetter um 6 % (150 TWh) niedriger sein. Aufgrund des warmen Wetters im Oktober und November 2022 lag die Gasnachfrage der Haushalte in vielen EU-Ländern rund 30 % unter dem Durchschnitt. In der EU wurden in den vergangenen Monaten in Rekordgeschwindigkeit Wärmepumpen installieren, welche dazu beitragen werden, den Gasverbrauch zu senken.


Energiesektor


Probleme mit der französischen Kernenergie und eine schwache Wasserkraftproduktion nach dem sehr trockenen Sommer 2022 führten dazu, dass im Stromsektor wenig, bis gar kein Gas eingespart werden konnte.


Wenn sich die französische Kernkraft von Februar bis September 2023 nicht auf ihren Fünfjahresdurchschnitt erholt, wird die Gasnachfrage um 43 TWh steigen. Sollte sich die spanische und italienische Wasserkraftproduktion nicht erholen, wären hier ebenfalls 29 TWh Gas zusätzlich notwendig. Eine weitere Periode mit schwacher Kern- und Wasserkraft würde erfordern, dass an anderen Stellen 2 % des Gasbedarfs eingespart werden müssten.


Industrie


Industrielle Wertschöpfungsketten nutzen Gas zur Herstellung von Endprodukten. Gas ist entweder ein Rohstoff und wird chemisch umgewandelt oder eine Energiequelle. Insgesamt haben sich die Gasversorgungsprobleme bisher nur wenig auf die Industrieproduktion ausgewirkt.


Die vier Industriebereiche mit dem größten Gasverbrauch in der EU verbrauchen 74 % des gelieferten Industriegases und stellen 26 % der Arbeitsplätze in der Fertigung bereit.


Main gas-consuming sectors in selection of EU economies, economic indicators, bruegel.org


Hersteller können Gas durch andere Brennstoffe ersetzen. Beispielsweise können Öfen mit leichtem Heizöl statt mit Gas beheizt werden. Die internationale Energieagentur schätzt, dass von der Reduzierung des Industriegasbedarfs im Jahr 2022 etwa die Hälfte durch Brennstoffwechsel erreicht wurde. Hohe Preise fördern auch schrittweise Verbesserungen der Energieeffizienz. Der größte Produktionsrückgang war im Chemiesektor zu verzeichnen.


Wenn Deutschland Produkte mit hoher Gasintensität und Importsubstituierbarkeit importieren würde, könnte die Industrie den Gasbedarf um 26 Prozent reduzieren, während sie nur 3 Prozent des Endumsatzes verliert.


Zum Beispiel kann so BASF aus seinen Werken in den USA den Import von Ammoniak erhöhen, das dann zur Herstellung von Düngemitteln in Europa verwendet werden kann. Die Analyse zeigt die Flexibilität der Düngemittelindustrie, auf diese Weise zu reagieren, ohne die heimische Düngemittelproduktion zu beeinträchtigen.



Was sagt uns das?


Ein ungewöhnlich warmer Winter, die Wiederinbetriebnahme französischer Kernkraftwerke, eine schwache chinesische Energienachfrage und das Fehlen negativer Überraschungen auf den globalen LNG-Märkten haben das europäische Gasangebot-Nachfrage-Gleichgewicht erheblich entspannt. Obwohl die Preise für Erdgas zurückgegangen sind, sind sie drei- oder viermal höher als normalerweise.


Die Politik muss weiterhin stark und entschlossen handeln und importierte Gaslieferungen, größtenteils LNG, müssen gesichert werden. Da die Gasnachfrage in der EU allerdings schneller als erwartet sinken wird, sollten nicht alle diese Kapazitäten durch neue langfristige Verträge ersetzt werden. Es ist wichtig, dass die EU die Nachfrage bis Oktober 2023 weiter reduziert. Unter normalen Wetterbedingungen wäre eine Reduzierung zwischen 13 und 21 % nötig.


Ob die Versorgungslücke durch Energiesparmaßnahmen geschlossen werden kann, ist unklar. Sollte dies nicht gelingen, wird das fehlende Gas vermutlich aus den USA geliefert werden, welche ihre Produktion dadurch noch mal erhöhen könnten.


Wir werden sehen, ob wir den Gasverbrauch so weit reduzieren können, um eine erneute Gaspreisexplosion im Herbst verhindern zu können.



- VW & PO






Quellen


https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0921344917303762

https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0306261907000177?casa_token=Q_F1-e9ZSlwAAAAA:JomV084Zn_jf3OANedw3dDHfFy7YpcYxqtZRxv5W6nF7ykOLqlEA_yOgxM90ArR2B9ePwE2IwVLI

https://www.iea.org/reports/how-to-avoid-gas-shortages-in-the-european-union-in-2023

https://www.bruegel.org/dataset/european-natural-gas-imports

https://iea.blob.core.windows.net/assets/96ce64c5-1061-4e0c-998d-fd679990653b/HowtoAvoidGasShortagesintheEuropeanUnionin2023.pdf

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